Kulturtechnik Sticken: Mit der Nadel malen

Die Kunst des Stickens ist ein ganz wesentlicher Bestandteil unserer Kulturgeschichte und eine der ältesten Kulturtechniken der Menschheit. Spannenderweise wurde das Sticken nicht zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort erfunden – die Menschen entwickelten das Besticken und Schmücken ihrer Kleidung tatsächlich vor Jahrtausenden und völlig unabhängig voneinander auf allen Kontinenten.

Einige Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass der Mensch seine Kleidung wahrscheinlich gar nicht, wie man zunächst vermuten würde, als Schutz vor Wind und Wetter entwickelte. Er wollte sich verändern, auf besondere Weise seine Gestalt wandeln, zum Bären, zum Löwen, zum Adler, zum Feuer, zum Wind werden, sozusagen die Magie der Mächtigen imitieren, die er in der Welt um sich herum wahrnahm. Der Mensch suchte nach Möglichkeiten, sich mit Naturgewalten auf der Erde auseinanderzusetzen und den oft als magisch wahrgenommenen Geschehnissen zu begegnen. Genau dafür wollte er sich also angemessen aufstellen, mit Kleidungsstücken, die ihm Macht und Statur vermittelten und mit deren Hilfe er göttlich oder magisch empfundenen Wesenheiten begegnen wollte. 

Verwandeln. Schmücken. Beschwören

Kleidung, Bemalung und Schmuck jeder Art dienten also zunächst der Veränderung des eigenen Auftretens. Und nahezu von Anfang an wurde diese Kleidung auch mit Schutz- und Segenszeichen versehen, denn die Begegnung mit dem großen Unbekannten war keineswegs ungefährlich. So wurden Kleidungsstücke also auch bestickt. Heute bringen Forscher das Schmücken und Besticken von Häuten oder Stoffen in unmittelbaren Zusammenhang mit Tattoos, Haarkunst, Körperbemalung und anderem Körperschmuck. Veränderungen in Gestalt und Aussehen waren Maßnahmen, die den einzelnen Menschen in seiner Welt und zwischen Himmel und Erde verorten, ihn beschützen und auszeichnen sollten. Es waren die Schamanen, die Heiler und Himmelskundigen der menschlichen Frühzeit, die die Symbole aus der beobachteten Natur auf Gegenstände, Körper und Kleidung übertrugen um sich über diese Veränderung die magisch wahrgenommenen Kräfte anzueignen. So diente das Bemalen und Besticken von Kleidung zunächst also in erster Linie spirituellen und rituellen Zwecken, im Zuge der Entwicklung von Gemeinschaften wurde der textile Schmuck viele , viele Jahrhunderte später Zeichen von definierter Zugehörigkeit wie auch einer Auszeichnung von Einzelnen innerhalb größerer Gruppen. 

Die ältesten bestickten Stoffe, die uns heute erhalten sind, wurden vor etwa 7000 Jahren angefertigt. Sie entstanden um 5000 v. Chr. im heutigen Ägypten, in China und in Südamerika. Es dauerte noch einige tausend Jahre, bevor die Kunst des Stickens ihren Weg nach Europa fand. Über die orientalischen Handelsrouten des Mittelalters gelangten kunstvoll bestickte Stoffe zunächst nach Italien. In Palermo entstand eine berühmte Schule für Stickereien, es folgten Florenz, Flandern, England, Burgund, Spanien, Ungarn und der Rest Europas. Adel und Kirche entwickelten sich zu den größten Interessenten und Förderern der Stickkunst und nutzen sie als Zeichen und Ausdruck für ihre Macht und ihre Privilegien.

Sticken als Zeichen von Wohlstand

Diese Entwicklung war nicht weiter verwunderlich, denn die Kunst des Stickens erfordert auch heute noch Zeit, Muße und herausragend geschulte Fertigkeiten. Zudem waren Stoffe und Garne kostspielige Pretiosen, das einfache Volk konnte sich solchen Luxus nicht leisten. So entstanden seit dem Mittelalter die schönsten und wertvollsten Stoffe oft in den Klöstern, wo sich zunächst Nonnen auf diese Kunst spezialisierten – oder in den Kemenaten adeliger Damen, die an den Höfen Europas im Laufe der Jahrhunderte die unterschiedlichsten Traditionen der Stickkunst weiterentwickelten. 

Bis heute sind die aufwendig bestickten kaiserlichen Krönungsmäntel oder die liturgischen Gewänder des Mittelalters an Pracht kaum zu überbieten. Edle Stoffe, Fäden aus Gold und Silber, feinste Garne und erlesene Handwerkskunst brachten höchste Ehrerbietung zum Ausdruck. Mit dem ausgehenden Mittelalter wurde die Stickkunst auch ein Handwerk. Kunstvolle Stickereien schmückten bald nahezu jedes Kleidungsstück, von der Unterwäsche bis zum Gehrock, vom Taschentuch bis zum Hutrand. Je hochrangiger der gesellschaftliche Status, desto aufwendiger und prächtiger die Stickereien. 

Sticktechnik und Stickkunst

Im Laufe der Zeit entwickelten sich traditionelle Sticktechniken für ganz bestimmt Zwecke. Die sogenannte Weißstickerei, auch als Leinenstickerei, diente in erster Linie der Kennzeichnung von weißer Bettwäsche, Tischwäsche oder Leintuch. So wurden für die Mitgift einer Braut je nach Vermögen ihrer Familie manchmal eine, manchmal gleich mehrere Truhen mit fein gewebter und bestickter Wäsche bestückt. Die bevorzugten Stickmotive waren florale Motive, die Initialen der Braut, oder in adeligen Kreisen auch mal das Familienwappen. Als besonders erlesene Form der Weißstickerei gilt bis heute sogenannte die Richelieu-Stickerei mit dem Festonstich.  

Mit Kreuzstichen werden bis heute gröber gewebte Stoffe verziert. Ihr edles Gegenstück, der Gobelinstich, wurde verwendet, um Stich für Stich ganze Gemälde auf Kissenbezüge oder Wandbespannungen zu übertragen. Im Rokoko nannte man das Sticken deshalb auch Nadelmalerei. Der Gobelinstich ist ein sogenannter halber Kreuzstich und wird möglichst fein und vor allem gleichmäßig gesetzt. Je feiner und je gleichmäßiger, desto wertvoller das Ergebnis. 

Ajour-Stickerei ist ein besonders spannendes Stickverfahren, bei dem mittels Stickfaden die lockeren Webfäden aus Leinen oder Baumwolle so zusammengezogen werden, dass kleine Lochmuster entstehen, die dann im Großen und Ganzen ein zartes, vielschichtiges Muster ergeben, das manchmal auch geklöppelten Spitzen ähnelt. Die berühmte Dresdner Spitze ist eine ganz besonders feine Form der Ajour-Stickerei. 

Stickmotive für Zugehörigkeit und Auszeichnung

Bis ins 19. Jahrhundert hinein bewahrte das Sticken seinen in gewisser Weise exklusiven Anspruch. Es hatte zwar den Weg aus den Klöstern und den adeligen Familien ins Bürgertum geschafft, blieb aber eben auch hier weitestgehend den Damen aus wohlhabenden Kreisen vorbehalten. Kunstvoll verzierende Stickereien für die wichtigen Momente im menschlichen Leben haben aber dann doch auf gewisse Weise den Weg zurück zu ihren Ursprüngen gefunden. So stehen auch heute noch Taufkleid, Hochzeitskleid oder Totenkleid gewissermaßen in der Tradition der Schwellenerfahrung oder dem Übergang in eine neue unbekannte Welt. Stickereien auf diesen Gewändern haben oft spirituelle Bedeutung und tragen bei zur Bitte um Schutz und Segen.

Auf der weltlichen Seite stehen Stickereien heute für qualitativ hochwertige Handwerkskunst. Über Jahrhunderte und Jahrtausende entwickelte Sticktechniken wurden stetig verfeinert und mit der Industrialisierung auch in die Maschinenkompetenz übernommen. In unserer Zeit stehen die manuelle Stickkunst und das industrielle Besticken von Stoffen nebeneinander. Beide Varianten rühmen sich immer neuer Ideen und Qualitäten. Gemeinsam ist ihnen nach wie vor das grundlegende Anliegen: zu schmücken, Zugehörigkeit zu kennzeichnen und den Einzelnen auszuzeichnen. 

 

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